Lärm & Ruhe

Dauerberieselung

Im öffentlichen Raum wird die pausenlose Dauerberieselung mit Musik immer mehr zu einer Tatsache. Treiber dieser Entwicklung ist die Erkenntnis dass Musik nicht nur dem künstlerischen Ausdruck und der Unterhaltung dienen kann. Die sogenannte Funktionale Musik (F-Musik) tritt auf verschiedene Art und Weise auf und verfolgt unterschiedliche Ziele.

Muzak

Muzak ist ein Markenname der Muzak Holdings LLC, eines 1934 gegründeten US-amerikanischen Unternehmens, das hauptsächlich für seine Gebrauchsmusik (z. B. Musikbeschallung von Ladengeschäften) bekannt ist. Oft auch als Kaufhausmusik oder Fahrstuhlmusik bezeichnet, wird der Begriff auch abwertend für besonders einfache oder seichte Musik verwendet.

Der funktionale Aspekt von Muzak besteht in der gezielten Veränderung der akustischen Verhältnisse am jeweiligen Einsatzort in eine bestimmte, vom Auftraggeber gewünschte Richtung. Muzak dient z.B. sowohl der Überlagerung störender Umgebungsgeräusche als auch der Vermeidung einer unerwünschten, weil als bedrückend empfundenen Stille. Motiviert ist diese Veränderung stets durch das Bestreben, die Stimmung und Gefühlslage der Menschen, die sich (oft zufällig) in einer bestimmten Umgebung aufhalten, in eine positive Richtung zu lenken und sie so zum Verweilen anzuhalten und für andere Botschaften empfänglich zu machen.

Jingle Bells im Warenhaus
Lärmige Einkaufstour mit Beat Schlatter
"Muzak" Website

Einsatzbereiche Muzak

Studien weisen darauf hin, dass bei repetitiven, nicht-anspruchsvollen Arbeitssettings, mit dem Spielen von schneller, treibender Musik Produktivitätssteigerungen erzielt werden können. Generell kann mit Musik sehr gut die Stimmung von Angestellten positiv beeinflusst werden, welche sich wiederum im Arbeitsresultat niederschlägt. Die Meinungen zu Musik am Arbeitsplatz gehen in der Praxis dennoch weit auseinander. In bestimmten Tätigkeitsfeldern ist das Musikhören während der Arbeit kein Problem - und kann sich zweifelsohne produktivitätssteigernd auswirken - während es in anderen Bereichen undenkbar ist. Natürlich ist die Wirkung von Musik auf die Produktivität auch von Person zu Person höchst unterschiedlich. Nicht zuletzt stellt sich beim Radiohören im Büro das Problem des unterschiedlichen Musikgeschmacks. Der Genuss von Musik mit Kopfhörern unterbindet dieses Problem, schafft aber gleichzeitig Neue: Einerseits birgt die Abschottung von der Umwelt ein Sicherheitsrisiko und andernfalls erschwert sie die Kommunikation zwischen Mitarbeitern.

Music hath charms for some workers - others it annoys (USA Today)

In einem Shopping-Center möchte man den Konsumenten in Kauf-Stimmung versetzen und versucht dies unter anderem durch das Spielen von heiterer Musik zu erreichen. Der Kunde nimmt diese Musik, deren Lautstärke in der Regel knapp über dem Geräuschpegel der Umgebung liegt, unbewusst wahr, und soll durch sie in einen entspannten Zustand versetzt werden. Zahlreiche Studien vermuten einen Zusammenhang zwischen dem Wohlbefinden von Konsumenten und ihrem Konsumverhalten: In einer angenehmen Atmosphäre ist seitens der Kunden eine höhere Interaktions- und Kooperationsbereitschaft vorhanden. Gut gelaunte Menschen sind zudem in Entscheidungssituationen weniger kritisch und verlassen sich somit eher auf oberflächliche Reize - also genau jene, welche durch gängige Werbeanstrengungen bedient werden. Langsame Musik lädt Kunden zum Verweilen ein. Eine Theorie besagt, dass das langsamere Schlendern im Laden den Kunden dazu bringt, mehr Bedürfnisse zu entwickeln und mehr Produkte in Betracht zu ziehen. Nicht zuletzt kann Musik in einzelnen Läden auch selektiv eingesetzt werden um ein gewisses Image oder eine Markenidentität zu transportieren.
In vielen Bars wird dem experimentellen Befund Rechnung getragen, dass Gäste bei schneller, lauter Musik schneller und mehr trinken. Der Getränkekonsum kann also durch das Spielen spezifischer Musik gesteigert werden. Selbstverständlich spielt die Musikwahl auch eine wichtige Rolle im Bezug auf das zu erwartende Publikum. Bars leben hauptsächlich von einer spezifischen Zielgruppe. Das Ambiente hängt zu einem grossen Teil von der gespielten Musik ab.
In Ausnahmefällen kann F-Musik auch dazu dienen Menschen, oder bestimmte Menschengruppen, von etwas fernzuhalten. So werden einige deutsche Bahnhöfe gezielt mit klassischer Musik beschallt um unerwünschte Gäste abzuschrecken (beispielsweise Dealer, Drogenabhängige oder jugendliche Trinker). Gleichzeitig wird damit Umfragen zufolge auch das Sicherheitsempfinden der Passagiere erhöht.

Blasting Mozart to drive criminals away (The Washington Post)
Klassik gegen Junkies (Spiegel Online Video)

Um Fahrgästen die Aufenthaltsdauer im Lift zu versüssen, wird meist auf funktionelle Musik zurückgegriffen. Die Einfachheit der üblicherweise gewählten Musik hat den Begriff der Fahrstulmusik entstehen lassen. Dieser Begriff bezeichnet besonders einfache Musik, die Aufgrund fehlender Ecken und Kanten für jedermann bekömmlich ist.
Wer kennt sie nicht, die Hotline-Warteschlange: "Zur Zeit sind leider alle unsere Kundenberater besetzt, gerne bedienen wir Sie sobald einer unserer Mitarbeiter frei ist. Bleiben Sie bitte so lange am Apparat..."

Ambient-Musik

Ambient-Musik (eine Untergruppe der F-Musik), möchte nicht bewusst wahrgenommen werden, sondern ihre Wirkung unerkannt im Hintergrund entfalten. Erik Satie gilt als ihr Begründer. Er bezeichnete seine Musik auch als Möbelmusik ("musique d'ameublement"), da sie für ihn nicht mehr war als ein Einrichtungsgegenstand mit dem einem Raum eine bestimmte Atmosphäre verliehen werden soll. Sie eignet sich aber nicht bloss zum atmosphärischen Ergänzen von Wahrnehmungs- und Lebensräumen sondern funktioniert auch als Untermalung beim Lesen, Schreiben oder Arbeiten. Die besonderen Eigenschaften dieser Musik treten speziell dann zu Tage, wenn sich die Aufmerksamkeit des Hörers auf etwas anderes als die Musik selbst richtet.

Ambient bezeichnet heute auch eine Variante der elektronischen Musik, bei der sphärische, sanfte, langgezogene und warme Klänge dominieren. Rhythmus und Perkussion stehen bei dieser Musikrichtung im Hintergrund oder sind überhaupt nicht vorhanden. Die Musikstücke sind meist sehr langsam und lang, bauen sich oft gemächlich auf und gehen ineinander über, wobei sie eher selten einer klassischen Songstruktur folgen.

Akustischer Raum als Gemeingut

Mit Slogans wie "Musik setzt Freiwilligkeit voraus" oder "der akustische Raum gehört allen" kämpfen musikalische Opfer (als ein solches bezeichnet sich der deutsche Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger in einem Spiegel-Artikel 1997) gegen die Dauerbeschallung im öffentlichen Raum. Sie verlangen eine Politisierung des akustischen Raumes und meinen, dass das Ausmass der Zwangsbeschallung in Restaurants, Läden etc. eine gesellschaftliche Frage sei (so wie es die Frage über den Nichtraucherschutz seit geraumer Zeit ist). Die Stadt Linz hat den akustischen Raum politisiert, indem sie sich 2009 zur Hörstadt ausgerufen hat. Andere Beispiele für eine intensive Auseinandersetzung mit dem Thema Zwangsbeschallung sind die weltweite Initiative Pipedown oder die Satireaktion Dudelstopp.

Spiegel: Ein Musikalisches Opfer
Hörstadt Linz
Pipedown: Lautsprecheraus E.V.
Dudelstopp